Zum Phänomen der Mystifizierung der Computertechnologie, oder
das irrationale Moment
1964 schrieb jemand eine Kurzgeschichte. Sie handelt von einem König und drei Weisen auf dem Planeten Eparis. Der König droht sie zu köpfen, wenn sie ihm nicht eine ganz außergewöhnliche Geschichte erzählen, die ihm seine Langeweile vertreibt. Die ersten beiden haben wenig Glück und werden geköpft, aber der dritte Weise ist klüger und tischt dem König eine unglaubliche Geschichte über den Ursprung des Universums auf. Völlig erlogen, aber wirksam. Er behält also seinen Kopf und äußert sich wie folgt darüber: »[Was ich gesagt habe, das stammt nicht vom Wissen her. Die Wissenschaft fragt nicht nach solchen Eigenschaften des Daseins, wie zum Beispiel Lächerlichkeit. Die Wissenschaft erklärt die Welt; mit ihr versöhnen kann einzig die Kunst. Was wissen wir denn in Wahrheit über die Entstehung des Kosmos??] Eine Wissenslücke von solchem Ausmaß kann mit Legenden und Mythen ausgefüllt werden. Ich wollte als Mythenschöpfer die Höchstgrenze des Unwahrscheinlichen erreichen, und ich meine, ich war nahe dran.«
In der Tat werden Wissenslücken mit Mythen gefüllt und je unwahrscheinlicher ein Mythos klingt desto überzeugender scheint er zu sein. Ein Mythos entsteht aber nicht nur durch nicht wissen, sondern auch wenn ein Ereignis oder ein Phänomen das gewöhnliche Bewusstsein und die Erkenntnisfähigkeit des Menschen übersteigt. Der innerste Kern bleibt immer verborgen. Ihm kann man ein irrationales Moment attestieren. Irrational kommt aus den lateinischen und heist soviel wie unvernünftig. Das irrationale Moment erklärt das wissenschaftliche Denken, den Mechanizismus und den abstrakten Geist für unfähig die bestimmenden Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhänge der Realität zu erkennen. Solche Momente finden sich z.B. bei Kierkegaard, Schopenhauer und Nitzsche als Alternative zu philosophisch rationalistischen, aufklärerischen Systemen. Der Wille bei Schopenhauer, die Seele bei Ludwig Klages, der Urgrund bei Heidegger und die Existenz bei Kierkegaard werden in solche der objektiven Analyse unzugängliche Bereiche verschoben, und von ihnen zum wahrhaft Schöpferischen erklärt. Ihm entspringt auch eine ablehnende Haltung sozialen und kulturellen Neuerungen als Folge eines umfassenden Einsatzes von Wissenschaft und Technik, als Zeichen sinkender schöpferischer Kulturkräfte.
Die Beweispflicht schieben sie den Rationalisten zu, welche zusehendes an Boden gewinnen. Das mentale Prozesse und Zustände nicht nur mit Vorgängen im neuronalen Substrat einhergehen sondern dort auch ihre Ursachen haben scheint den meisten Menschen heute einleuchtend. Empirische Methoden haben einfach eine ziemlich hohe Beweiskraft. Man kann es belegen. Man hat es Schwarz auf Weiß. »Mind is what the brain does« Neurobiologen und Physiologen sagen dass es aus naturwissenschaftlicher Sicht keinen Platz für den freien Willen gibt, weil man nicht weiß wie er mit den Nervenzellen in Wechselwirkung tritt um sich in Taten zu verwandeln. Man hat ein Experiment durchgeführt das beweist, dass das menschliche Gehirn einen Reiz eine halbe Sekunde früher wahrgenommen hat als es die Messung nachweist. Was heisst, dass es diesen Reiz zurückdatiert. Womoglich ist eine Entscheidung auch längst getroffen bevor sie ins Bewusstsein dringt, man bewusst darüber reflektiert? Neben dem freien Willen ist auch das subjektive Erleben nicht mehr als das Feuern der Nerverzellen im Gehirn. Eine Welt jenseits der Neuronen, die ein irrationales Moment einschließt, ist undenkbar.
Wenn man also alles, einschließlich des Menschen, rational erklären kann, dann ist wohl die logische Folge, dass man versucht es nachzubauen und zu verbessern. Und da kommt, wenn man denn sagen darf, die sogenannte künstliche Intelligenz ins Spiel. Diese in der Auflösung befindliche Begriff mag so nicht ganz korrekt sein, aber fürs erste soll er mal die Gegebenheiten beschreiben, das alte Ziel der starken KI menschengleiche Maschinen zu bauen. Antropomorphe Roboter, die denken fühlen und handeln wie Menschen. Neben diesen Anroiden gibt es auch noch die Bereiche der Roboter, vom russischen rabota/Arbeit, die Maschinen und Automaten. Ich denke, dass diese unterschiedliche Dinge und Vorhaben beschreiben. Auf diese werden unterschiedliche Erwartungen projeziert. Luc Steels z.B. sieht die Roboter als Engel, die als gute Geister unsere Welt bevölkern und den Menschen unterstützen. Hans Moravec hingegen sieht das nicht so positiv. Wir sind der Zeit sehr nahe, wo praktisch keine menschliche Funktion ohne ihr künstliches Gegenstück bleiben wird. Die Verkörperung wird der intelligente Roboter sein, eine Maschine die wie ein Mensch denken und handeln kann. Er verknüpft das mit einer apokalyptischen Vision, seinen Mind Children, welche die Menschenheit ganz langsam von der Erde dahinschwinden lassen. Die technische Evolution geht nähmlich viel schneller von statten als die biologische oder kulturelle, die Zyklen sind kurz und die Rekombinierbarkeit nahezu unbegrenzt. Marvin Minsky meint, dass es nicht nur möglich ist solche menschengleiche Maschinen zu schaffen, sondern noch viel intelligentere und leistungsfähigere. Und wenn das erstmal geschafft ist, wenn die Technik die Biologie übertroffen hat, dann kann man auch das Gehirn des Menschen mithilfe nicht biologischer Intelligenz aufrüsten. Die Gedächtnisleistung wird steigen, wir werden wesentlich schneller denken, das Wissen direkt vom Computer in unser Gehirn laden. Sagt Ray Kurzweil. Den letzten wahnsinnigen Vorschlag, der wohl kaum noch zu toppen ist macht Steven Hawking, der sagt dass die Gefahr real ist, dass Computerchips und Software immer leistungsfähiger werden, Intelligenz entwickeln und die Welt übernehmen. Damit aber die biologischen den elektronischen Systemen weiterhin überlegen bleiben sollen wir das Erbgut, die DNA gentechnisch verändern. Und weil das ein paar Generationen dauern könnte fangen wir an besten schonmal damit an.
Diese Vorstellung rührt an ethische Grenzen. Nicht nur an unsere, man muss sich auch nach unserer Verantwortung für diese antropomorphen Roboter fragen und ob sie noch in unsere ethische Reichweite fallen. Denn im Prinzip wären sie ja wie Kinder, denkend, fühlend und handelnd. Kant hat die ethischen Grenzen bis zur gesamten Menschheit ausgedehnt, Albert Schweitzer gar bis zur belebten Natur. Sollen nun auch Dinge, unbelebte Materie darunter fallen? Marvin Minsky und Rodney Brooks sind jedenfalls der Meinung, dass man ihnen nicht einfach den Stecker ziehen und sie in die Ecke stellen kann. Aber auch die Anroiden selbst sollen nach ethischen Grundsätzen handeln, wenn auch nur nach dreien, nähmlich denen von Isaac Asimov, welche besagen dass ein Roboter keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu lassen, dass einem Menschen Leid angetan wird. Ein Roboter muss den Befehlen gehorchen, die ihm vom Menschen erteilt werden, es sei denn, dass diese Befehle mit dem ersten Gesetz in Widerspruch geraten. Und er soll seine eigene Existenz schützen solage dies nicht mit dem ersten oder zweiten Gesetz in Widerspruch steht. Asimov lieferte auch den Stoff für den 2004 erschienenen Film i-Robot der von solchen antropomorphen Robotern erzählt. Sie besitzen das 3-Gesetze-Sicherheitszertifikat, ein Positronengehirn, Operating Sytem Teresa 2.1.2 den Sav-Ever-Kundenservice und ein universelles Erinnerungsnetzwerk. Motorische Funktionen, Stimmausdrucksschaltkreise, Logiksteuerung. Und das alles in einem unverwüstlichen Titaniumgehäuse platzsparend untergebracht. Überhaupt wimmelt es in der Literatur und dem Kino, in der Kunst ganz allgemein von künstlichen Menschen und Maschinen. Z.B. E.T.A. Hoffmanns Olimpia, Mary Shellys Frankenstein, Goethes Homunkulus, oder der Mythos des Golems. Bis zu Filmen wie i-Robot, Artificial Intelligence und anderen, das Thema ist schon seit beginn des Kinos präsent, seit 1897.
Wie bereits erwähnt löst sich der Begriff der künstlichen Intelligenz langsam auf, denn die Forscher nehmen von ihrem ultimativen Ziel die menschengleichen Maschinen zu schaffen abstand und werfen diesen unfruchtbaren Ballast ab, der vielleicht eh nur in Simulantentum aufgehen könnte. Wer weiß?? Statt dessen wenden sie sich vier neuen Bereichen zu. Der Computational Intelligence. Ihre wichtigsten Verfahren sind gegenwärtig die Fuzzy-Logik, künstliche neuronale Netze und genetische Algorithmen. Dadurch sollen Anpassungsfähigkeit, Fehlertoleranz und Verarbeitungsgeschwindigkeiten im Bereich menschlicher Kognitionsprozesse erreicht werden. Vorbilder sind z.B. menschliches Problemlösungsverhalten und die biologische Evolution.
Eine weitere Facette sind die Intelligent Agents. Diese können wahrnehmen und handeln, haben einen Zweck und eine bestimmte Umgebung. Ein menschlicher Agent z.B. hat Augen und Ohren, Hände und Beine. Input und Output. Ein Software-Agent besitzt codierte Zeichenketten als seine Wahrnehmungen und Handlungen. Mehere Agenten ergeben dann ein distributed System, ein Netzwerk im Gegensatz zum Mainframe, einer zentralen Steuerung.
Artificial Intelligence wird reduziert auf Artificial Life. Bei der Erforschung lebender Organismen z.B. dem Fadenwurm gewinnt man einen Einblick in bestimmte Aspekte intelligenten Verhaltens und für sensorische und motorische Aspekte. Man versucht es jetzt vom Einfachen zum Komplizierten. Das Problem ist, dass man den Bauplan hat, aber nicht weiß wie Verschaltung das Verhalten steuert.
Ausserdem soll den Experimenten eine Gestalt gegeben werden, damit sie wahrnehmen können, mit ihrer Umwelt in Bezieheung treten und lernen können. Jean Piaget hat ja gesagt dass sich Intelligenz durch Interaktion mit der Umwelt entwickelt, da durch dieses interagieren Wissen angesammelt wird. Dieses Vorhaben ist der vierte Punkt der neuen KI und nennt sich Embodiment und Enaction.
Wenn also die KI abstand davon nimmt menschengleiche Maschinen zu schaffen, die Rationalisten mit hilfe der Neurophysiker und Biologen das Universum im kleinen wie im großen fortwährend entzaubern, stellt sich dann die Frage nach dem irrationalen Momment überhaupt noch? Ist es dann nicht bald wegrationalisiert?
Berlin, 12. Juli 2005
